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Ein paar persönliche Worte... (Sonstiges)

Ravenga, In der Ruhr liegt die Kraft, Samstag, 07.01.2023, 07:47 (vor 1107 Tagen) @ Earl Chekov

Triggerwarnung! Text enthält neben persönliche Erfahrungen mit seelischem Missbrauch u. Mobbing auch das Thema Suizid!

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen sehr persönlichen Text veröffentlichen sollte, u.a. weil die Opfer Frauen sind u. meine Erfahrungen als Mann sich nicht 1:1 übertragen lassen. Allerdings glaube ich halbwegs nachvollziehen zu können, wie sich die Opfer solcher Tyrannen/Sadisten fühlen, da ich selbst einem solchen Menschen ausgeliefert war. Leider gibt es immer noch Leute, die denken, dass man auch mal eine Beleidigung oder derben Spruch aushalten müsse, bzw dass man bloß empfindlich sei u. sich "nicht so anstellen" solle. Diese Leute begreifen überhaupt nicht die Tragweite einer solchen Erfahrung u. welche seelischen Zerstörungen das anrichten kann, sondern behandeln es als Bagatelle. Deshalb möchte ich anhand meiner eigenen Geschichte zeigen, wie es sich anfühlt, solchen Menschen ausgesetzt zu sein u. wozu das schlimmstenfalls führen kann

Im Alter von 11 Jahren fuhr ich auf eine kirchliche Jugendfreizeit u. machte dort Bekanntschaft mit dem damals ~60 jährigen Gemeindepfarrer, den ich vorher nur oberflächlich aus dem Schulgottesdienst u. von Filmabenden im Freizeitheim kannte. Dieser "Diener Gottes" sollte in den kommenden Wochen sein wahres Ich offenbaren, zig Kindern das Leben zur Hölle machen u. mich nachhaltig traumatisieren. Sein Umgang mit Kindern sah folgendermaßen aus:

- Jungs in meinem Alter sprach er nicht mit Vor-, sondern ausschließlich mit Nachnamen an, wie beim Militär
- Bezeichnungen wie Weichei, Memme, Tunte, Heulsuse oder Fettsack waren bei ihm an der Tagesordnung
- mehrmals wurde ich vor versammelter Mannschaft wegen Kleinigkeiten bloßgestellt u. erniedrigt, z.B als ich zum ersten Mal mein Bett alleine beziehen sollte u. dabei Probleme hatte ("Nicht mal das kannst du")
- Strafaufgaben wegen Nichtigkeiten, z.B wegen eines heruntergefallenen Tellers
- ausgiebige Lästereien vor anderen Kindern u. Betreuern, wenn man selbst nicht im Raum war

Tja, was machen Jungs in dem Alter, wenn sie es von einem Erwachsenen so vorgelebt kriegen? Richtig, sie springen auf den Zug auf u. machen dich noch mehr fertig! Als eine Gruppe Jungs mich packte, in einen schlammigen Tümpel warf u. ich zu weinen begann, hat mich dieser Teufel bloß höhnisch ausgelacht u. mir gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, Jungs würden das eben so machen. Vier Wochen lang erlebte ich die Hölle auf Erden mit täglichen Schikanen u. Erniedrigungen. Ich war vollkommen hilflos, weil dieser Satan auch die jugendlichen Betreuer systematisch manipulierte u. einschüchterte, damit niemand den Mund aufmacht. Am Ende war es die Köchin (!) des Heims, die sich als Einzige schützend vor uns Kinder stellte u. deutliche Worte für das systematisches Mobbing des Pfarrers fand. Als ich es nicht mehr aushielt, flehte ich meine Eltern an, dass sie mich abholen, aber der Pfaffe konnte sie überzeugen, dass ich übertreiben u. mir das alles nur ausdenken würde. Anschließend beschimpfte er mich beim Essen vor allen Kindern/Betreuern als Muttersöhnchen u. Lügenbaron, was zudem eine deutliche Botschaft an die anderen Kinder war: Wenn Ihr eure Erlebnisse erzählt, wird euch keiner glauben. Das war im Grunde das Schlimmste für mich. Völlig entmutigt u. alleingelassen blieb mir nichts anderes übrig, als diese Tortur weiter über mich ergehen zu lassen.

Bei meiner Rückkehr war ich, wie meine Familie übereinstimmend feststellte, ein völlig verändertes Kind. Im Vergleich zu vorher war ich verschüchtert, ängstlich u. zog mich immer mehr zurück. Da einige der Jungs von der Jugendfreizeit mit mir in dieselbe Klasse gingen, erfuhr das Mobbing dort seine Fortsetzung. Mit der Zeit wurde ich zum völligen Außenseiter, meine Noten verschlechterten sich kontinuierlich, ich hatte Angst zur Schule zu gehen u. es entwickelten sich ernsthafte Suizidgedanken. Ich konnte u. wollte einfach nicht mehr! Gerettet haben mich ein Wechsel in eine andere Klasse, der mir die Möglichkeit zum Neuanfang bot, neue Freunde aus alternativen Milieus (Punks, Goths, andere Außenseiter), sowie - auch wenns pathetisch klingt - alle 2 Wochen auf der Südtribüne zu stehen. Dort konnte ich den ganzen Scheiß für gewisse Zeit vergessen u. tolle neue Leute kennenlernen, die meine Geschichte nicht kannten. Das gab mir etwas Selbstvertrauen zurück u. half, das Geschehene vorerst hinter mir zu lassen.

Mit Anfang/Mitte 20 holten mich diese Ereignisse allerdings wieder ein u. ich musste sie in einer schmerzhaften Psychotherapie aufarbeiten. Im Rahmen dessen recherchierte ich über den Verbleib des Pfarrers u. fand heraus, dass er einige Jahre zuvor ins Gras gebissen hatte (möge er in der Hölle schmoren!). Dabei stieß ich auf einen Nachruf, der mir den Boden unter den Füßen wegriss. Dort las ich unerträgliche, zynische Passagen, wie: "Was er in seinem Leben tat, hat bei vielen von uns Spuren hinterlassen", "Er war ein guter Seelsorger" sowie "Er war ein Mensch mit Ecken und Kanten, sehr direkt und impulsiv, aber einer, der mitfühlte. Er hatte immer Zeit für Menschen, die ihn brauchten". Am Ende stand dann noch ein Psalm: "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir". In diesem Moment fühlte ich mich wieder genauso gedemütigt, ohnmächtig u. hilflos wie damals, als mir niemand glaubte. Ich konnte das nicht so stehen lassen, weshalb ich den Nachfolger des Pfarrers besuchte u. ihm meine Geschichte erzählte. Der Mann war sichtlich geschockt, aber er glaubte mir u. stellte Nachforschungen an. Während viele Menschen beteuerten, der Mann sei ein frommer, mustergültiger Christ gewesen, stellte sich schließlich heraus, dass dieses feige Stück Sch... dieses Verhalten nie gegenüber anderen Erwachsenen zeigte, sondern ausschließlich gegenüber ihm anvertrauten Kindern/Jugendlichen, wenn niemand anderes es bemerkte. Die Kirche entschuldigte sich umgehend u. glaubhaft bei mir, aber es brachte mir nichts, ich fühlte mich immer noch genauso verbittert/missbraucht wie vorher. Erst als ich mit Leidensgenossen u. Augenzeugen aus dieser Zeit sprach, u.a. mit der Köchin aus dem Heim, setzte sich etwas bei mir in Gang. Da sich Aussagen wie "Stell dich nicht so an" u. "Dir glaubt eh niemand" tief in mein Unterbewusstsein eingebrannt hatten, habe ich vor diesem Treffen nie die Tragweite bzw. den Schweregrad des Missbrauchs erkannt, sondern mir unterbewusst immer gedacht: Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm u. ich bin wirklich nur sensibel. Erst die Bestätigung von Leuten, die dabei waren u. die wussten, wie ich mich fühlte, hat mir die Tragweite des Ganzen vor Augen geführt u. mir die Möglichkeit gegeben, mich überhaupt als Opfer zu sehen.

Darum ist das Vereins-Statement der missbrauchten Spielerinnen auch so katastrophal! Du wirst von jemandem, der in der Hierarchie über dir steht, gedemütigt, erniedrigt, entmenschlicht, manipuliert u. eingeschüchtert, immer mit dem Subtext, dass niemand dir glauben wird. Dann wagen einige sehr mutige Frauen den extrem schweren Schritt in die Öffentlichkeit, und - voilà - es wird sofort relativiert! Im schlimmsten Fall kommt es dann noch zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Du fühlst dich wieder komplett hilflos/alleingelassen u. beginnst, an dir selbst u. deiner Wahrnehmung zu zweifeln, während die Prophezeiung des Täters eintrifft, dass niemand dir glauben wird. Er hat gewonnen, du hast verloren.
Ich wünsche den betroffenen Spielerinnen von Herzen viel Kraft u. hoffe inständig, dass die Wahrheit unleugbar ans Licht kommt, damit sie irgendwann Frieden finden. Manche werden das einfacher schaffen als andere, bei manchen wird das Erlebte schwerer wiegen als bei anderen. Dennoch wurden sie emotional von einem Mann missbraucht, der sie hätte schützen müssen. Als jemand, der das erlebt hat, weiß ich sehr gut, wie sich das anfühlt u. wie schwer es ist, überhaupt Gehör zu finden. Deshalb kann ich nur sagen: Kämpft weiter, Mädels, ihr seid nicht allein!


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