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Kenosha in Wisconsin (Sonstiges)

Blarry, Essen, Donnerstag, 27.08.2020, 17:21 (vor 1954 Tagen) @ Guido

Aber die realen Verhältnisse sind eine direkte Funktion und Folge der Gesetzgebung. Natürlich ist die Legislative nicht offen rassistisch formuliert, und du wirst keinen Racism Appreciation Act of 2020 im Senat vorgelegt kriegen. Die Auswirkungen der Gesetzgebung sind es dennoch, weil sie oftmals gerade mit einer rassistischen Auslegung im Hinterkopf verfasst wird.


Ein Beispiel dazu, wofür wir noch nicht einmal über den großen Teich jetten müssen, sondern nur über den Kanal.

Dort wurden nämlich dieses Jahr die Noten der A-Levels, das englische Gegenstück zum Abitur, aufgrund der Coronakrise nicht über Prüfungen ermittelt, sondern über einen Algorithmus. Der sah grob vereinfacht so aus, dass die Lehrer das Examensergebnis ihrer Schüler einschätzen mussten, und neben dieser Note gleichzeitig die Leistung jedes ihrer Schüler im Vergleich zu jedem anderen Schüler an ihrer Schule mit der gleichen geschätzten Note. Von den Lehrern wurde also praktisch für jede Notenabstufung ein eigenes Ranking der Schüler mit dieser Note verlangt.

Die Noten und das Ranking wurden jetzt in den Algorithmus eingegeben, der die Noten in Relation zu den in den vergangenen Jahren erteilten Resultaten setzte - und entsprechende Korrekturen vornahm, um die Schulen als Gesamtheit etwa auf dem Leistungslevel der Vorjahre zu halten.

Bereits an der Stelle wird es problematisch, weil so ein sehr guter Schüler an einer Schule mit über die Jahre nur mittelmäßigem Notenschnitt direkt heruntergestuft würde. Solche Schulen sind, und das ist in England nicht anders als bei uns, oftmals an sozialen Brennpunkten zu finden; Privatschulen haben keinen Grund, ihre SuS durchfallen zu lassen, weil das komplett gegen ihr Geschäftsmodell "du geben uns Geld, wir geben dir Abschluss" läuft.

Es wird aber noch wilder: die durch den Lehrer geschätzte Abschlussnote wurde vom Algorithmus umso niedriger bewertet, je größer die Unterrichtsklasse des Lehrers war. Heißt: wer als Lehrer eine Klasse von 30 Kids unterrichtet, dessen Beurteilung jedes einzelnen Schülers war dem Algorithmus weniger wert als Lehrer von Klassen bis maximal 15 Schülern. Und wo gibt es die größte Diskrepanz in der Größe der Klassen? Natürlich zwischen privaten und öffentlichen Schulen.

So kam es, dass im Endeffekt 40% (!!!) der englischen Abiturienten von einem rassistisch-klassistischen Computer eine schlechtere Abiturnote ausgestellt bekamen, als ihr Lehrer ihnen ausgestellt hat. Nicht betroffen waren davon natürlich die Failsons reicher Eltern von Privatschulen. Verstärkt wurde der Effekt zusätzlich dadurch, dass die Ergebnisse dieses Jahr relativ gut ausfielen und, um auf einer Linie mit den Vorjahren zu bleiben, überdurchschnittlich stark nach unten korrigiert wurden. In Number Ten hat man halt Angst vor der Ärzteschwemme, die in acht bis zehn Jahren über das Land schwappen könnte.

Nur so als Beispiel, wie eigentlich harmlos und pragmatisch gemeinte Gesetzgebung in zutiefst rassistischen und klassistischen Gräben buddeln kann.


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