kleiner Einwurf aus philosophischer Perspektive (Sonstiges)
Eu dzän und dzän
Stellt das gute Leben einen höheren Wert dar als das Leben selbst
?
Für die alten Griechen schien diese Frage im Gegensatz zu uns
heute nicht banal. Eu dzän, also das gute Leben, bildete bei
ihnen den höchsten aller Werte. Eine weitere Maxime der Griechen
belegt zudem: das Gute ist seinerseits an einen uns eher
oberflächlich erscheinenden weiteren Wert gebunden: die
Schönheit. Kalokagathia hieß denn auch die anzustrebende
Vollkommenheit ( die Arete) in der Antike. Die tiefe Verbindung
zwischen dem Schönen und dem Guten, führte erst richtig aus, was
eu dzän bedeutete. - Das alles mag uns heute nicht mehr
einleuchten, ja geradezu empören in unserem ausgeprägten, das
heißt in diesem Falle gefühligen Sinn für Moral: wer aus den
herrschenden Diskurskreisen wollte schon noch zulassen, dass der
Schönheit dieselbe Wertigkeit zugestanden wird wie dem moralisch
Guten ? Die Verlogenheit dieser Parteinahme zeigt sich indes da,
wo die Instagramkultur längst jenseits von Schönheit und Moral
die Realität definiert: gut ist, was gut aussieht , be-liked
wird, in einer flott gemachten neoliberalen Entwertungskultur
erste Positionen besetzt oder in die Ränkespiele von Macht und
das Räderwerk einer Aufmerksamkeitsökonomie verwoben ist. Wenn
ein Mensch all diese start up- Bedingungen nicht vorweisen kann,
fliegt er (surft er ) unter dem Radar der Anerkennung so wie wir
sie heute verstehen.
Die Frage an dieser Stelle ist indes eine andere. Hat das Leben
selbst einen Wert, der so hoch angesetzt wird, dass dessen
Erhaltung als die oberste Maxime überhaupt gelten kann ? - Oder
ist die Würde die man dem Menschen zubilligt, ein noch höherer
Wert ? Erstaunlicherweise hat ein Bundestagspräsident diese Frage
aufgeworfen.
Leben (und Gesundheit, die heute als einziges Prädikat für das
Subjekt Leben zugelassen wird) muss um jeden Preis erhalten
werden, das scheint nicht nur eine Richtschnur, nach der sich
weitestgehend die Medizin richtet – sie führt uns auch tief in
das Kerngeschehen der modernen Subjektivität. Der Philosoph
Robert Spaemann setzt in diesem Zusammenhang eine scharfe Zäsur
zwischen der Antike und der Moderne: Da, wo das obig genannte eu
dzän (das gute Leben) auf das pure dzän (das Leben)
zurückgedrängt wird, weicht das Gebot des geglückten Daseins
einzig der Ausrichtung nach purer abstrakter Selbsterhaltung eben
um jeden Preis. Die Moderne – so Spaemann - steckt in dieser
Einbahnstraße der Wertediskusssion. Sie hat keine angemessene
Vorstellung mehr vom Leben – und weicht deshalb oft auf Modelle
und Zahlen aus, wie die Debatte um Corona ja heute auch beweist.
Es werden Zahlen Modelle meist nach dem cui bono-Prinzip in den
Ring geworfen.
Diese radikale Wende, die sich heute in dem Todschlagargument:
Leben und Gesundheit gehen vor, niederschlägt, wäre aber nicht
möglich gewesen, ohne eine weitere dramatische Kehre. Sie
betrifft die Phänomene Tod und Unsterblichkeit – und eine nicht
zu leugnende anthropologische Ausrichtung des Menschen überhaupt:
sein Hang zur Transzendenz – was zunächst einmal eine
verständliche Sehnsucht betrifft, sich irgendwie über den Alltag,
die Unwegbarkeiten seines Schicksals und seine Endlichkeit zu
erheben. Meist geschieht das ja über Kultur , worin wir
Verwandlungen des Realen in Hyperreales, oft auch Phantastisches
vornehmen.
Mit der frühen Moderne setzt indes jener Prozess ein, in dem – so
der Philosoph Hans Ebeling – die einstige Stelle der
Unsterblichkeit, Gott, Himmel und Hölle “leergeräumt“ wird und
sich menschliche Endlichkeit an der harten Zäsur durch den Tod
offenbart und abarbeitet. Nach Max Scheler gilt in einer modern
säkularen Welt seither der geschichtlich gesellschaftliche und
individuelle Fortschritt als höchster Wert, der in einer Art
absurder Erhitzung und Beschleunigung auch die einstige
Unendlichkeit und Unsterblichkeit in sich einzuspeisen sucht ,
aber damit . so Scheler - auch die Elimination des
Todesbewusstseins betrieben habe, in dem ja gerade das jenseitige
Leben eine entscheidende Rolle gespielt habe. Tod bildete noch
eine Scheide zwischen Endlichkeit und Unsterblichkeit und prägte
so beides: unseren Umgang mit dem Tod und das Bewusstsein, dass
es damit noch nicht zu Ende sei. Nach Ebeling ist dieses
heilsgeschichtlich ausgeschmückte Narrativ indessen endgültig
auserzählt. Womit er wohl recht hat. Stattdessen stürzten sich
heute weite Teile der Philosophie nun auf den Tod als ein
absolutes Ende, während ein paar Altvordere noch in wolkigen
erbaulichen Kaffeekräntzchen über Unsterblichkeit und ein
Fortleben nach dem Tod sinnierten. Damit könnten wir es bewenden
lassen.
Da die Sehnsucht nach einem Fortleben aber in unseren
menschlichen Genen verwurzelt scheint, muss sich auch der
endliche Mensch die Frage stellen, wie sich diese genetisch
eingeimpften Intentionen und Kräfte in einer Moderne Gehör
verschaffen, die fundamental den Tod als eisernes Tor ansetzt,
hinter dem nichts steht als das Nichts. Mit anderen Worten:
Welche Äquivalente finden wir heute für unsere Antennen für
Unendlichkeit und Unsterblichkeit ?
Man kann die entsprechenden Versuche, dies zu erreichen beinahe
provozierend leicht an kinetischen Modellen verdeutlichen: Der
endliche Mensch stößt in seiner jeweiligen Situation immer aufs
Neue auf den Tod, wird von dort aber dann in Ermangelung eines
„weiter“ auf sein augenblickliches Dasein zurückgeschleudert –
was in der Vielzahl der fragmentierten und zugleich
existentiellen Augenblicke, auf die wir unser modernes Leben gern
einschwören, eine immer schneller werdende Pendelbewegung
erzeugt. Das bildet natürlich einen elementaren Unterschied zum
früheren Todesbewusstsein, dass sich über den Tod hinaus in
vielen Vorstellungen und Bildern meist religiöser Coleur abfedern
und anreichern konnte.
Dieser Pendelbewegung zwischen der jeweiligen Lebenssituation und
dem Tod wird durch die moderne Maxime der absoluten
Selbsterhaltung aber nun eine andere komplementäre Bewegung zur
Seite gestellt.: Sie besteht darin, den Tod zum Zwecke der
Lebensverlängerung immer weiter hinauszuschieben – und so eine
zumindest tendentielle Überwindung des Endlichen zu erwirken.
Sehr viele Potentiale der modernen Subjektivität – so scheint es
- treten in den Dienst dieser Maxime. Bilden sich ab in
Fortschrittseifer und Methoden der Selbstoptimierung. Es muss
vorangehen – unendlich. Dies sind indes fiebrige Orientierungen,
die ins Absurde abstürzen, wenn sie in einem sterblichen
Individuum aufeinandertreffen: Da driften nicht nur individuelle
zutiefst begrenzte Lebenszeit und die unendlich scheinende
Weltzeit auseinander wie der Philosoph Hans Blumenberg uns
schmerzlich zu Bewusstsein gebracht hat, da zeigt sich auch die
tödliche Textur von einer Selbsterhaltung und Lebensverlängerung
um jeden Preis. Selbstoptimierung, Fortschritt und Erfolg: Am Tod
des Individuums scheitern sie alle und zeigen so ihre inneren
Widersprüche. Der Tod ist eben nicht der Abpfiff nach einem
Spiel, das man erfolgreich bestritten hat. Er ist nicht nur das
Ende aller Spiele, sondern alles zeitlichen Nachhers , in dem man
den Erfolg feiern könnte. Hier versagt auch jede Übertragung in
ein kinetisches Modell.
Aber zurück zum Anfang: In dem Augenblick, in dem die Perspektive
der Unsterblichkeit erlischt, sucht das anthropologisch
gleichwohl auf Transzendenz ausgerichtete menschliche Wesen nach
Ersatz – nach Äquivalenten der Unsterblichkeit. Könnte das nun
das Schöne und das Gute in Sinne der Antike sein ? Man müsste
diese Begriffe wohl in die Befindlichkeiten unserer Zeit
übersetzen – womöglich in das zusammen finden lassen, was man
“Würde” nennt, eine Wertezumessung fern der Gier nach
Unbedingtheit und dem Wahn eines immer weiter hinausgezögerten
Todes. Hält man es nur damit, entsteht eine Engführung des
Lebens, die sich gegenwärtig vor allem im Wahn der Zahlen und
Statistiken zeigt – und auch nach der Coronakrise wohl noch tief
in unseren Mentalitäten eingesickert bleibt.
Antworten auf diesen Eintrag:
- kleiner Einwurf aus philosophischer Perspektive -
rajol,
04.05.2020, 11:24
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