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kleiner Einwurf aus philosophischer Perspektive (Sonstiges)

rajol, Pulheim, Montag, 04.05.2020, 11:24 (vor 2068 Tagen)

Eu dzän und dzän

Stellt das gute Leben einen höheren Wert dar als das Leben selbst ?
Für die alten Griechen schien diese Frage im Gegensatz zu uns heute nicht banal. Eu dzän, also das gute Leben, bildete bei ihnen den höchsten aller Werte. Eine weitere Maxime der Griechen belegt zudem: das Gute ist seinerseits an einen uns eher oberflächlich erscheinenden weiteren Wert gebunden: die Schönheit. Kalokagathia hieß denn auch die anzustrebende Vollkommenheit ( die Arete) in der Antike. Die tiefe Verbindung zwischen dem Schönen und dem Guten, führte erst richtig aus, was eu dzän bedeutete. - Das alles mag uns heute nicht mehr einleuchten, ja geradezu empören in unserem ausgeprägten, das heißt in diesem Falle gefühligen Sinn für Moral: wer aus den herrschenden Diskurskreisen wollte schon noch zulassen, dass der Schönheit dieselbe Wertigkeit zugestanden wird wie dem moralisch Guten ? Die Verlogenheit dieser Parteinahme zeigt sich indes da, wo die Instagramkultur längst jenseits von Schönheit und Moral die Realität definiert: gut ist, was gut aussieht , be-liked wird, in einer flott gemachten neoliberalen Entwertungskultur erste Positionen besetzt oder in die Ränkespiele von Macht und das Räderwerk einer Aufmerksamkeitsökonomie verwoben ist. Wenn ein Mensch all diese start up- Bedingungen nicht vorweisen kann, fliegt er (surft er ) unter dem Radar der Anerkennung so wie wir sie heute verstehen.

Die Frage an dieser Stelle ist indes eine andere. Hat das Leben selbst einen Wert, der so hoch angesetzt wird, dass dessen Erhaltung als die oberste Maxime überhaupt gelten kann ? - Oder ist die Würde die man dem Menschen zubilligt, ein noch höherer Wert ? Erstaunlicherweise hat ein Bundestagspräsident diese Frage aufgeworfen.
Leben (und Gesundheit, die heute als einziges Prädikat für das Subjekt Leben zugelassen wird) muss um jeden Preis erhalten werden, das scheint nicht nur eine Richtschnur, nach der sich weitestgehend die Medizin richtet – sie führt uns auch tief in das Kerngeschehen der modernen Subjektivität. Der Philosoph Robert Spaemann setzt in diesem Zusammenhang eine scharfe Zäsur zwischen der Antike und der Moderne: Da, wo das obig genannte eu dzän (das gute Leben) auf das pure dzän (das Leben) zurückgedrängt wird, weicht das Gebot des geglückten Daseins einzig der Ausrichtung nach purer abstrakter Selbsterhaltung eben um jeden Preis. Die Moderne – so Spaemann - steckt in dieser Einbahnstraße der Wertediskusssion. Sie hat keine angemessene Vorstellung mehr vom Leben – und weicht deshalb oft auf Modelle und Zahlen aus, wie die Debatte um Corona ja heute auch beweist. Es werden Zahlen Modelle meist nach dem cui bono-Prinzip in den Ring geworfen.
Diese radikale Wende, die sich heute in dem Todschlagargument: Leben und Gesundheit gehen vor, niederschlägt, wäre aber nicht möglich gewesen, ohne eine weitere dramatische Kehre. Sie betrifft die Phänomene Tod und Unsterblichkeit – und eine nicht zu leugnende anthropologische Ausrichtung des Menschen überhaupt: sein Hang zur Transzendenz – was zunächst einmal eine verständliche Sehnsucht betrifft, sich irgendwie über den Alltag, die Unwegbarkeiten seines Schicksals und seine Endlichkeit zu erheben. Meist geschieht das ja über Kultur , worin wir Verwandlungen des Realen in Hyperreales, oft auch Phantastisches vornehmen.
Mit der frühen Moderne setzt indes jener Prozess ein, in dem – so der Philosoph Hans Ebeling – die einstige Stelle der Unsterblichkeit, Gott, Himmel und Hölle “leergeräumt“ wird und sich menschliche Endlichkeit an der harten Zäsur durch den Tod offenbart und abarbeitet. Nach Max Scheler gilt in einer modern säkularen Welt seither der geschichtlich gesellschaftliche und individuelle Fortschritt als höchster Wert, der in einer Art absurder Erhitzung und Beschleunigung auch die einstige Unendlichkeit und Unsterblichkeit in sich einzuspeisen sucht , aber damit . so Scheler - auch die Elimination des Todesbewusstseins betrieben habe, in dem ja gerade das jenseitige Leben eine entscheidende Rolle gespielt habe. Tod bildete noch eine Scheide zwischen Endlichkeit und Unsterblichkeit und prägte so beides: unseren Umgang mit dem Tod und das Bewusstsein, dass es damit noch nicht zu Ende sei. Nach Ebeling ist dieses heilsgeschichtlich ausgeschmückte Narrativ indessen endgültig auserzählt. Womit er wohl recht hat. Stattdessen stürzten sich heute weite Teile der Philosophie nun auf den Tod als ein absolutes Ende, während ein paar Altvordere noch in wolkigen erbaulichen Kaffeekräntzchen über Unsterblichkeit und ein Fortleben nach dem Tod sinnierten. Damit könnten wir es bewenden lassen.
Da die Sehnsucht nach einem Fortleben aber in unseren menschlichen Genen verwurzelt scheint, muss sich auch der endliche Mensch die Frage stellen, wie sich diese genetisch eingeimpften Intentionen und Kräfte in einer Moderne Gehör verschaffen, die fundamental den Tod als eisernes Tor ansetzt, hinter dem nichts steht als das Nichts. Mit anderen Worten: Welche Äquivalente finden wir heute für unsere Antennen für Unendlichkeit und Unsterblichkeit ?
Man kann die entsprechenden Versuche, dies zu erreichen beinahe provozierend leicht an kinetischen Modellen verdeutlichen: Der endliche Mensch stößt in seiner jeweiligen Situation immer aufs Neue auf den Tod, wird von dort aber dann in Ermangelung eines „weiter“ auf sein augenblickliches Dasein zurückgeschleudert – was in der Vielzahl der fragmentierten und zugleich existentiellen Augenblicke, auf die wir unser modernes Leben gern einschwören, eine immer schneller werdende Pendelbewegung erzeugt. Das bildet natürlich einen elementaren Unterschied zum früheren Todesbewusstsein, dass sich über den Tod hinaus in vielen Vorstellungen und Bildern meist religiöser Coleur abfedern und anreichern konnte.
Dieser Pendelbewegung zwischen der jeweiligen Lebenssituation und dem Tod wird durch die moderne Maxime der absoluten Selbsterhaltung aber nun eine andere komplementäre Bewegung zur Seite gestellt.: Sie besteht darin, den Tod zum Zwecke der Lebensverlängerung immer weiter hinauszuschieben – und so eine zumindest tendentielle Überwindung des Endlichen zu erwirken. Sehr viele Potentiale der modernen Subjektivität – so scheint es - treten in den Dienst dieser Maxime. Bilden sich ab in Fortschrittseifer und Methoden der Selbstoptimierung. Es muss vorangehen – unendlich. Dies sind indes fiebrige Orientierungen, die ins Absurde abstürzen, wenn sie in einem sterblichen Individuum aufeinandertreffen: Da driften nicht nur individuelle zutiefst begrenzte Lebenszeit und die unendlich scheinende Weltzeit auseinander wie der Philosoph Hans Blumenberg uns schmerzlich zu Bewusstsein gebracht hat, da zeigt sich auch die tödliche Textur von einer Selbsterhaltung und Lebensverlängerung um jeden Preis. Selbstoptimierung, Fortschritt und Erfolg: Am Tod des Individuums scheitern sie alle und zeigen so ihre inneren Widersprüche. Der Tod ist eben nicht der Abpfiff nach einem Spiel, das man erfolgreich bestritten hat. Er ist nicht nur das Ende aller Spiele, sondern alles zeitlichen Nachhers , in dem man den Erfolg feiern könnte. Hier versagt auch jede Übertragung in ein kinetisches Modell.
Aber zurück zum Anfang: In dem Augenblick, in dem die Perspektive der Unsterblichkeit erlischt, sucht das anthropologisch gleichwohl auf Transzendenz ausgerichtete menschliche Wesen nach Ersatz – nach Äquivalenten der Unsterblichkeit. Könnte das nun das Schöne und das Gute in Sinne der Antike sein ? Man müsste diese Begriffe wohl in die Befindlichkeiten unserer Zeit übersetzen – womöglich in das zusammen finden lassen, was man “Würde” nennt, eine Wertezumessung fern der Gier nach Unbedingtheit und dem Wahn eines immer weiter hinausgezögerten Todes. Hält man es nur damit, entsteht eine Engführung des Lebens, die sich gegenwärtig vor allem im Wahn der Zahlen und Statistiken zeigt – und auch nach der Coronakrise wohl noch tief in unseren Mentalitäten eingesickert bleibt.


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