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Potulski (Spieltage)

Will Kane, Biosphärenreservat Bliesgau, Samstag, 14.02.2026, 15:31 (vor 6 Stunden, 44 Minuten) @ Rekordeigentorschütze

Vor einiger Zeit musste ich schmunzeln als ich die Aufstellung der polnischen Nationalmannschaft vernahm: da war ein Spieler dabei mit deutschem Namen, der hieß Schimanski!

In den späten 50er-Jahren hieß es des Öfteren scherzhaft, dass für den DFB Länderspiele seiner Auswahl in Polen besonders kostengünstig seien. Man brauche lediglich für Bundestrainer Sepp Herberger und Spielführer Fritz Walter im Hotel je ein Einzelzimmer zu buchen, der Rest der Mannschaft könne bei Verwandten übernachten…

Wobei Namen mit der Endung -ski nicht zwingend polnischen Ursprungs sind. Sie können auch aus anderen westslawischen Bereichen oder aus dem Ostslawischen oder auch aus dem Baltischen stammen. Im früheren südwestlichen Ostpreußen oder im ehemaligen Westpreußen (vormals zeitweilig Preußisch Polen) z.B. gab es da die verschiedensten Varianten, oftmals mit deutschem Einfluss. Was man an der Konfessionszugehörigkeit als äußerem Indiz feststellen konnte. Evangelisch/Protestantisch = Deutsch, Röm.-Katholisch = Polnisch.

Die zweite Zuwanderungswelle in die immer mehr industrialisierten Teile Westfalens und der Rheinprovinz (später „Rheinisch-Westfälisches Industriegebiet, noch später „Ruhrgebiet“ genannt) bestand aus deutschsprachigen, protestantischen Menschen deutscher oder deutsch-westslawischer Herkunft aus den östlichen Provinzen Preußens / des frühen Deutschen Reiches. Darunter waren nicht wenige, deren Namen mit den typischen westslawischen Namensendungen versehen waren. Der rasant wachsende Bergbau (zu diesem Zeitpunkt noch weniger die Eisen- und Stahlindustrie) benötigte Arbeitskräfte für die harte und gefährliche Arbeit unter Tage. Häufig handelte es sich um junge, unverheiratete Männer, es kamen aber auch ganze Familien.

Die Integration dieser Menschen verlief nicht reibungslos, aber ohne große Probleme und relativ zügig. Auch wenn die Dialekte unterschiedlich waren, so sprach man doch eine Sprache. Auch die Konfession (damals noch von erheblicher Bedeutung) erleichterte das Zusammenleben im Alltag und nicht nur vor Ort unter Tage, wo man sich ohnehin aufeinander verlassen musste.

In der dritten Zuwanderungswelle kamen dann in großer Anzahl polnische Arbeitskräfte, meist mit ihren Familien, aus den Ostprovinzen des Deutschen Reiches. Zwar Einwohner des Deutschen Reiches, aber polnischsprachig und römisch-katholisch polnischer Ausprägung. In der Arbeit unter Tage gab es keine Zeit und Gelegenheit für Konflikte, da musste man zusammenhalten und tat dies auch. Außerhalb der (damals noch sehr harten) Arbeitswelt sah das anders aus. Die ‚Einheimischen‘ mieden die Polen und diese wiederum schotteten sich konsequent ab. Die vermeintliche Integrationskraft des Ruhrgebietes gab es zu diesem Zeitpunkt hier nicht oder nur sehr vereinzelt. Es gab zaghafte Versuche der katholischen Kirche, die aber erfolglos blieben.

Seit den Drei Polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts gab es kein polnisch-litauisches Königreich oder keinen entsprechenden Staat mehr. Das Gebiet wurde zwischen dem Zarenreich Russland, dem Kaiserreich Österreich und dem Königreich Preußen aufgeteilt. Das von Napoleon Bonaparte geschaffene Königreich Polen existierte nur ein paar Jahre und auf dem Wiener Kongress wurde die vorherige Ordnung wieder hergestellt. Für die Polen, die nun Einwohner Preußens, Österreichs oder Russlands waren, wurden ihre Sprache und ihre Religion zu entscheidenden Faktoren zur Aufrechterhaltung ihrer Identität als Polen, insbesondere im russisch-orthodoxen Russland und dem protestantischen Preußen. Das Verbleiben in der eigenen Gemeinschaft war auch ein Kennzeichen der ins Ruhrgebiet gelangten Polen.

Als mit dem Ende des I. Weltkrieges und den im Versailler Vertrag festgelegten territorialen Neuregelungen 1918/19 ein neuer polnischer Staat entstand, wanderten dann auch gut zwei Drittel der ins Ruhrgebiet wegen des Arbeitskräftebedarfs im Bergbau und teilweise in der Eisen- und Stahlindustrie zugewanderten Polen zurück in die Heimat, die nun nicht mehr zum Deutschen Reich gehörte, sondern in einem eigenen Staat lag. Das verbliebene Drittel behielt die deutsche Staatsbürgerschaft und mit diesen Menschen begann dann erst der eigentliche Prozess der zähen, langsamen Integration.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es in den 60er-/70er-Jahren in Dortmund noch polnischsprachige Gottesdienste gab.


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