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Elend, Siff, Gestank und Dreck: Das Stadtbild von Dortmund (Sonstiges)

tzuio09, Dienstag, 11.07.2023, 18:18 (vor 922 Tagen) @ Kutte92

Das was du beschreibst - viele meiner Vorredner haben das ja auch so geschildert - ist ja ein Problem vieler Großstädte. Als Dortmunder kann man das also jetzt einfach so abtun und sagen "ja isso" - nur ist damit einfach niemandem geholfen und daher finde ich es grundsätzlich immer wichtig die Probleme anzusprechen und beim Namen zu nennen. Nur sind die sicherlich vielschichtiger als viele glauben. Es gibt nämlich die Probleme, die man sieht (und die du schilderst) und dann die, die dazu führen. Ich lebe inzwischen seit über 10 Jahren im Ausland und nehme mir mal raus eine sehr neutrale Sicht zu haben.

Also fangen wir mal. Differenzierung. Leider ist es in meinen Augen sehr sehr deutsch sich nur auf die Probleme zu fokussieren, statt mal die Sachen anzusprechen, die sich sehr positiv entwickeln.

Ich war vor paar Monaten erstmals am neuen Hafen und war begeistert. Was eine geile Fläche, was für ein Potential. Dass sich ausgerechnet ein skandinavischer Entwickler dort gerade einnistet verwundert mich nicht. Die wissen, wie man das anpackt. Oder Phoenix-West. Was da an einem schönen Frühlingstag rund um die Brauerei abgeht ist einfach fantastisch. Und das gab es vor 10-15 Jahren eben nicht. Ein so wertvolles Projekt wie den Phoenix-See auch nicht. Nur frag mal die meisten Dortmunder was sie davon halten. Sie meckern. Weil irgendwas passt dem Deutschen dann eben nicht. Nur was wäre denn die Alternative zu den Villen am Hang, die den Bumms teilweise finanziert haben? Oh und wunder, ja Sonntags ist es voll.

Aber zurück zur Innenstadt. Ja die Probleme sind offensichtlich, nur liegen die Fehler nicht bei Einwanderung, Obdachlosigkeit und Co., sondern in der generellen Stadtentwicklung der letzten 30-50 Jahre. Keine historische Substanz, eine schier elendig lange Entwicklung zur autofreundlichen Stadt, kaum Wohnungsbau im Kern und eine unfassbar langsame Entwicklung von Brachflächen. Das Gebiet rund ums U, was wirklich toll ist, ist noch immer nicht fertig. Die Lokalpolitik mit ihren - sorry kleinbürgerlichen Dorfdeppen von SPD und CDU (von den Vollidioten und scheiss Rassisten wie denen der AfD oder der bei der allgemeinen Intelligenzverteilung zu kurz gekommenen Heulsuse M. Brück mal ganz zu schweigen) diskutiert lieber noch 3 Jahre über Parkplätze an einer möglichen Sporthalle, die sich in Sichtweite eine HBF befindet, statt das Teil einfach zu bauen! Einfach mal machen. Dachte immer wenn eine Region so Sätzen sagen kann, dann das Ruhrgebiet. Aber scheinbar liege ich da falsch. Andere Länder sind da schneller, effizienter, ja auch mutiger, offener, diverser.

Das sorgt nicht zwingend dafür das alle Probleme der Obdachlosigkeit heute auf morgen vergessen sind, aber es lenkt zum einen den Fokus auf andere Dinge, es vermischt sich mehr und es ergeben sich Chancen. Dass Probleme wie Obdachlosigkeit vielschichtiger sind zeigt sich auch in vielen anderen Metropolen der Welt (irgendwer hat ja das Bsp SF schon gebracht). Die Innenstadt braucht zwingend mehr Leben, mehr Diversität.

Große Büroneubauten wie Conti oder Materna zieht man raus auf die grüne Wiese, währenddessen fristen Flächen wie das Bender Areal oder die komplette Nordseite des HBFs ihr tristes dasein. Ein Projekt wie Smart Rhino wäre ein Jahrhundertprojekt für die Stadt Dortmund und die ganze Region. Es wird nun scheitern, weil sich Land/Stadt und ein privater Investor (nein keine Heuschrecke aus Fernost, Amerika oder um in die Dortmunder Vergangenheit zu schauen, aus Portugal, sondern einer aus der Nachbarstadt) sich nicht einigen können und jeder auf seinem Recht bestehen muss, statt gemeinsam Lösungen zu finden und eben "einfach mal zu machen". Diese langfristigen Ziele, der Mut und das Geld das man braucht, das fehlt. Und es ist auch kaum politischer Wille da dies zu ändern. Verglichen mit der Lokalpolitik in Ländern, in denen ich bereits gelebt habe, ist das im Dortmunder Stadthaus wirklich provinziell. Und das seit Jahren.

Das war die politische Seite und nun kommt die kulturelle, gesellschaftliche. Es darf sich jeder Dortmunder mal fragen (sorry für den Pathos), was er denn gegen den Untergang der Innenstadt getan hat in den letzten Jahren. Ja Onlinehandel ist cool und ich finde Karstadt und Co. auch aus der Zeit gefallen, aber wo ist denn der Support für lokale Händler, für die, die in der Stadt was bewegen wollen. Krombacher saufen und den Untergang der Dortmunder Brauereien bemitleiden, ist eben irgendwie ne seltene Kombi, wenn ihr versteht wodrauf ich hinauswill. Ich bin 4-5x pro Jahr in Dortmund, ich kenne mehr neue Restaurants/ Bars etc, als Freunde und Family in Dortmund. Der typische deutsche, Dortmunder Angestellte macht halt um 17:30 Feierabend und fährt dann mit dem Auto nach Hause an Weber Grill (jaja Pauschalisieren kann ich auch), in anderen Ländern geht man hier und da was essen, trinken, zu kulturellen Events. Ich war die letzten zehn Jahre öfters im Dortmunder Konzerthaus, als meine Cousine, die in Dortmund lebt. Keine Ahnung worauf alle warten, aber sich immer am "Untergang" traurig reiben und sagen "früherer alles besser", macht es heute eben nicht besser.

Jetzt habe ich mir schon mehr von der Seele geschrieben als ich eigentlich wollte. Es nervt mich aber halt, dass viele (Gruß an die Ruhr Nachrichten) halt nur noch das negative sehen. Ich weiß nicht woher das kommt, woher dieser Frust und diese Tatenlosigkeit rührt, aber das ist für mich das eigentliche, generelle Problem. In Dortmund wie in Deutschland.


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