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Fragen über Fragen.... (Sonstiges)

Blarry, Essen, Sonntag, 15.08.2021, 21:25 (vor 1613 Tagen) @ micha87

3.) Warum kann sich die doch auch von der Bundeswehr afghanische Armee sich nicht gegen die Taliban durchsetzen?

3.) Weil Sie das vielleicht gar nicht will/kann. Die ZEIT in Person von Matthias Naß fasst es in der Überschrift bereits gut zusammen: "Der Westen ist gescheitert, aber nicht allein schuld. "USA und Nato hätten nicht so überstürzt abziehen dürfen. Doch im Stich gelassen wurde das afghanische Volk von der eigenen Armee und der korrupten Regierung."

Zuerst einmal ist die Armee in Afghanistan (ANA) generell nicht allzu machtvoll. Die lokale und regionale Kontrolle liegt vielmehr in den Händen der örtlichen Polizei (ANP), lokaler Stämme und Familien, aber hauptsächlich der Polizei. Die hat (naja, "hatte", bis gestern oder so) weitgehend freie Hand; kann machen, was sie will, sich niederlassen, wo sie will, und im Straßengraben erschießen, wen sie will. Dabei ist sie nicht besonders nützlich, mit "Freund und Helfer" ist da nichts, wenn man nicht eine Handvoll Dollarscheine oder einen Kanister Diesel rüberwachsen lässt. Wenn also in einem afghanischen Dorf irgendwas nicht ganz Menschenrechtekompatibles passiert, stehen die Chancen ganz gut, dass die Polizei entweder nichts dagegen unternimmt oder, wahrscheinlicher, direkt daran beteiligt ist.

Die afghanische Armee hingegen ist bereits vom Konzept her zu nichts zu gebrauchen. Klar gibts da anständig (US-)ausgebildete und ausgerüstete Sondereinsatzkräfte, die was aufm Kasten haben. Die breite Meute rekrutiert sich aber aus Leuten, denen man besser nicht irgendwelche Vorwürfe machen sollte für den Vormarsch der Taliban. Erklär mal einem 17jährigen Ziegenhirten, der in seinem Leben nur die drei Dörfer um sein Dorf herum gesehen und zwei Jahre Schule erlebt hat, die abstrakte Idee eines afghanischen Nationalstaats und einer nationalen Armee. So funktioniert deren Gesellschaft nicht. Die Loyalitäten liegen da viel lokaler: eben die eigene Familie, der eigene Stamm, das eigene Dorf, vielleicht noch die eigene Provinz.

Und weil die ANA innerlich paradoxerweise im Stile der russischen und sowjetischen Armee strukturiert ist, herrscht zwischen Offizieren und Truppen quasi Leibeigenschaft. Du kommst also in die Truppe und beginnst deine Ausbildung ohne Waffe, weil dein Kompaniechef die letzte Waffenlieferung aus den USA an den Freund seines Freundes gegen einen Kühlschrank von 2008 eingetauscht oder direkt an die Taliban verkauft hat. Wenn du Glück hast, bekommst du nach der Ausbildung ein eigenes M4-Sturmgewehr, das du wiederum selber an deinen Dorfvorstand ablieferst. Als Wiedergutmachung dafür, dass du immer noch in deinen eigenen Turnschuhen kämpfen musst, weil die Lieferung mit den neuen Kampfstiefeln aus den USA bereits beim Transit durch Usbekistan versandet ist. Und spätestens, wenn der Erzfeind deiner Familie im Dorf nebenan von deinem Dienst in der Armee Wind kriegt und als Revanche ein paar deiner Geschwister mit einer Rohrbombe am Marktplatz in Stücke reißt, schmeißt du eh alles hin und gehst wieder nach Hause.

Im Leben dieser Menschen gibt es keine Begründung und keinen Anlass, für eine afghanische Armee den Kopf hinzuhalten. Lasst uns ihnen bitte keine Vorwürfe daraus stricken.


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