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Die Nacht von Malente (WM / EM / Olympische Spiele aktuell)

haweka, Mittwoch, 08.07.2026, 23:04 (vor 17 Stunden, 33 Minuten) @ Will Kane

Ich glaube der wichtigste Faktor neben der fußballerischen Qualität bei so einem Turnier ist und bleibt die Stimmung in der Mannschaft und ob ich überhaupt eine Mannschaft habe.


Bei den deutschen Erfolgen war 1954, 1990 und 2014 die Stimmung innerhalb der Mannschaft ein wesentlicher Faktor für den Titelgewinn. 1974 hätte man den Vorteil der Heim-WM durch interne Querelen fast verspielt, letztlich war die Qualität der Einzelnen aber gerade noch gut genug um Weltmeister zu werden, allerdings auch mit einigem Glück. 1994 war ein Beispiel dafür, wie fehlender Teamgeist zum Scheitern führt.


Da Deutschland 1974 bekanntermaßen Gastgeber war, musste sich die deutsche Mannschaft auch nicht für das WM-Endturnier qualifizieren. Statt der Qualifikationsspiele fanden Freundschaftsspiele statt. Mehr und mehr empfanden Bundestrainer Helmut Schön und auch einige Schlüsselspieler dies als Nachteil, weil der Wettbewerbsdruck fehlte. Die Gegner spielten eher ‚soft‘, viele Kandidaten für den WM-Kader schonten sich in diesen Spielen aus Furcht vor Verletzungen ebenfalls. So etwas wie eine ‚zusammengeschweißte Truppe‘ konnte nicht entstehen.

Hinzu kam, dass die fußballerisch hochklassige Mannschaft, die den EM-Titel zwei Jahre zuvor gewonnen hatte, in sich zerfallen war. Daran hatte nicht zuletzt der Wechsel Günter Netzers zu Real beigetragen, der mit Franz Beckenbauer gemeinsam der spiritus rector dieser Elf war. Er stand für die Freundschaftsspiele kaum mehr zur Verfügung. Dann verletzte er sich auch noch und kam nicht mehr in Form bis zur WM.

Und dann ein Kardinalfehler, den zwanzig Jahre später ausgerechnet ein Betroffener dann in verantwortlicher Position wiederholte:

Malente.

Helmut Schön hatte seinen WM-Kader in der norddeutschen Provinz, dicht an der damaligen Grenze zur DDR, zur Intensivvorbereitung auf das WM-Turnier zusammengeholt. Beschauliches Örtchen, viel schöne Natur, ansonsten: Nichts, absolut nichts. Jugendherbergscharme. Für ein paar Tage wäre das noch gegangen, vielleicht auch für zwei Wochen wie schon 66 oder 70. Aber knapp vier Wochen waren einfach zu viel. ‚Lagerkoller‘ war vorprogrammiert.

Hinzu kam, dass zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf das Olympische Dorf in München während der Olympischen Spiele höchste Alarmstufe herrschte. Es gab Terrordrohungen der RAF, aber auch der IRA. Die Sportschule war schwer bewacht, Polizei und Grenzschutz patrouillierten mit durchgeladenen Maschinenpistolen. Die Spieler waren regelrecht kaserniert. Helmut Sxhön hatte zudem ein striktes Alkoholverbot ausgesprochen.

Eine so lange Zeit von ihren Frauen oder Partnerinnen getrennt zu sein, war für diese Ansammlung junger Männer hart. Der eine oder andere ging dann auch nachst über den Zaun türmen und fuhr dann mit dem (nicht ganz intakten) PKW des ‚Herbergsvaters‘ nach Hamburg, um sich mit seiner Frau zu treffen. Bei der Gelegenheit deckte man sich auch mit alkoholischen Getränken ein, um sich den Frust über Einöde und Kasernierung wegzutrinken.

Die Stimmung war von Anfang an aber auch deshalb schlecht, weil die Spieler erfahren hatten, dass die italienischen und holländischen Spieler für den Gewinn des WM-Titels umgerechnet 120.000 oder 110.000 DM von ihren jeweiligen Verbänden erhalten sollten. Der DFB hingegen war nur zur einer Zahlung von 30.000 DM bereit gewesen. Vor allem Günter Netzer heizte die interne Diskussion darüber an und stieß Spielführer Franz Beckenbauer an beim DFB entsprechend zu intervenieren. Dieser konfrontierte die DFB-Spitze dann mit der Forderung nach einer entsprechenden Prämie in Höhe von 100.000 DM.

Helmut Schön war zutiefst enttäuscht, warf seinen Spielern Geldgier vor und wollte alle nachhause schicken. Stattdessen wollte er das Turnier mit der Amateurnationalmannschsft bestreiten. Als vermeintlichen Rädelsführer hatte er Paul Breitner ausgemacht, den er als ‚Revoluzzer’ beschimpfte. Der Paule hatte aber mit dieser Angelegenheit gar nicht zu tun, war ob dieser falschen Vorwürfe außer sich vor Wut, packte seinen Koffer und wollte die Sportschule verlassen. Andere Spieler schlossen sich ihm an. Beckenbauer, Sepp Maier und Co-Trainer Jupp Derwall beruhigten Schön und Breitner wieder und deeskalierten die Situation.

Es kam in der Sportschule zu Neuverhandlungen in der Sportschule in der DFB-Sportschule, die Presse berichtete quasi ‚hautnah‘. Die B-Zeitung schoss aus vollen Rohren gegen das Team. Am Ende einigte man sich auf 70.000 DM Siegprämie.

Die ersten beiden Gruppenspiele gegen Chile und Australien wurden eher mühsam mit 1:0 und 3:0 gewonnen. Dabei hakte es in allen Mannschaftsteilen. Helmut Schön wollte analog zur EM 72 das Turnier mit einem spielerisch schönen und leichtfüßigen Fußball angehen, was der Mannschaft überhaupt nicht gelang. Nur Einzelleistungen von z.B. Breitner entschieden die Spiele.

Man war nach den beiden Siegen bereits für die Zwischenrunde qualifiziert, wollte aber unbedingt das Prestigeduell gegen den dritten Gruppengegner DDR gewinnen. Gerade für Helmut Schön war dieses Spiel etwas Besonderes. Er war gebürtiger Dresdner und langjähriger Spieler des Dresdner SC, der vom SED-Regime als ‚bürgerlicher Verein‘ aufgelöst wurde. Schön wurde noch in der seinerzeitigen Ostzone Spielertrainer und nach der Gründung der DDR Auwahltrainer der damals von der FIFA noch nicht anerkannten DDR-Auswahl, bevor er sich Anfang der 50er zur Flucht in den Westen entschloss.

Das Spiel wurde von der DFB-Auswahl äußerst verkrampft geführt, es gab nicht viele Torchancen und ein Tor gelang nicht. Als dann Jürgen Sparwasser nach einem Konter sein legendäres Tor zum 1:0 für die DDR erzielte, war der Hafer für das Team von Helmut Schön geschnitten. Nach dem Abpfiff sprach Schön kein einziges Wort mit seiner Mannschaft und zog sich zurück in Malente in sein Zimmer zurück und wollte niemanden sehen oder sprechen.

Dann begann die ‚Nacht von Malente‘. Spielführer Franz Beckenbauer wütete herum und nahm schließlich die Zügel in die Hand. Er rief alle Spieler zum Treffen in der Küche zusammen. Co- Trainer Jupp Derwall hatte geahnt, dass die Stimmung irgendwann explodieren musste. Er hatte den Künlschrank mit Bier und Wein vollgestellt, die Spieler bedienten sich reichlich und wer heimlich etwas an Alkohol gebunkert hatte, brachte den auch in die Küche. Man versuchte den Frust über die Niederlage hinunterzuspülen, die Zungen wurden lockerer. Dann übernahm Beckenbauer die Analyse und bestimmte zusammen mit Breitner auch gleich die notwendigen fußballerischen und personellen Änderungen

Schluss mit ‚Schönspielerei‘, Kompaktheit im Mittelfeld zur Verhinderung von Kontern, Gegenspieler früh und hart attackieren, mehr Druck über außen machen. Overath wurde zum Chef im Mittelfeld bestimmt, Flohe wurde aus der Mannschaft genommen, Rainer Bonhof und Bernd Hölzenbein kamen hinein. Grabowski und Hoeneß bekamen ‚Denkpausen‘. Schön wurde am nächsten Morgen mit den Änderungen konfrontiert und hatte keine andere Wahl als diese zu akzeptieren.

Die Geburtsstunde der Weltmeisterelf.

Glaubt man den Medienberichten, dann fanden einige Spieler das Basecamp in Winston-Salem mindestens genauso abgeschottet und langweilig wie Malente. Breitner, Müller, Netzer haben Lösungen gefunden. Nmecha, Kimmich, Woltemade und Co. haben gebetet, PlayStation oder Verstecken gespielt.


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