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Einschätzung zu Trump, Zusammenfassung (Politik)

HamburgSG, Samstag, 03.01.2026, 19:37 (vor 5 Tagen) @ Ulrich

Ich versuche mal, meine Gedanken aus dem Thread zusammenzuziehen und eine Frage in den Raum zu stellen, die mich schon länger umtreibt.

Mich wundert weniger, dass Figuren wie Trump polarisieren, sondern dass sie objektiv oft mehr politische Wirkung entfalten als der klassische Politiker einer Volkspartei. Und zwar nicht unbedingt, weil sie inhaltlich klüger wären, sondern weil sie offenbar etwas beherrschen, das viele etablierte Politiker verloren haben: Wirkung.

Trump sagt Dinge, die inhaltlich oft verkürzt, teilweise falsch oder grob sind – aber sie sind eindeutig. Jeder weiß sofort, wofür er steht oder zumindest wogegen. Er setzt Themen, zwingt Medien und Gegner zur Reaktion und bestimmt so den Takt. Selbst wenn man ihn kritisiert, spielt man sein Spiel mit. Der typische Volksparteipolitiker hingegen erklärt, relativiert, ordnet ein, verweist auf Zuständigkeiten, Koalitionen, Verfahren. Das mag sachlich korrekt sein, wirkt aber politisch erstaunlich kraftlos.

Vielleicht liegt hier der Kern: Politik wird heute nicht mehr primär nach Prozessen bewertet, sondern nach sichtbarer Handlung. Wer den Eindruck erweckt, etwas „durchzuziehen“, gilt als stark – selbst wenn die Ergebnisse am Ende dürftig oder widersprüchlich sind. Wer dagegen Komplexität erklärt, Kompromisse beschreibt oder auf langfristige Effekte verweist, verliert Aufmerksamkeit und damit Macht.

Eine weitere Frage: Haben Volksparteien verlernt, klare Konflikte zu benennen? Trump funktioniert auch deshalb, weil er einfache Gegensätze anbietet: wir gegen die, Gewinner gegen Verlierer, stark gegen schwach. Volksparteien hingegen versuchen oft, alle mitzunehmen – und nehmen am Ende niemanden emotional mit. Ist politische Anschlussfähigkeit heute wichtiger als politische Korrektheit?

Mich interessiert auch, ob wir Authentizität überschätzen. Trump gilt vielen als „echt“, gerade weil er ungeschliffen ist. Der klassische Politiker wirkt dagegen glatt, austauschbar, durch Kommunikationsberater gefiltert. Ist es wirklich besser, unpräzise aber gefühlt ehrlich zu sein, als präzise und dafür langweilig? Und warum scheint Langeweile politisch tödlicher zu sein als offensichtliche Widersprüche?

Am Ende vielleicht die unangenehmste Frage: Liegt das Problem wirklich bei Figuren wie Trump – oder bei einem politischen System, das es nicht mehr schafft, Komplexität verständlich, zugespitzt und überzeugend zu vermitteln? Wenn einfache Antworten regelmäßig gegen differenzierte verlieren, was sagt das über Politik, Medien und Wähler gleichermaßen aus?

Ich habe darauf keine fertige Antwort. Aber ich glaube, solange Volksparteien glauben, dass gute Argumente automatisch überzeugen, während andere längst auf Wirkung, Emotion und klare Narrative setzen, wird sich an diesem Ungleichgewicht wenig ändern.


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