schwatzgelb.de das Fanzine rund um Borussia Dortmund
A- A+
schwatzgelb.de das Fanzine rund um Borussia Dortmund
Startseite | FAQ | schwatzgelb.de unterstützen
Login | Registrieren

Venezuela meldet US-Angriffe (Politik)

Gerling, Hoppecke, Sonntag, 04.01.2026, 12:59 (vor 1 Tag, 15 Stunden, 24 Min.) @ MarcBVB

Ich hoffe sehr, dass du deinen Schülern neben diesem Zitat von Egon Bahr auch dessen Einstellung zur Solidarnosc ("Gefahr für den Weltfrieden") mitteilst.

Nein, warum sollte ich das tun? Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun. Allerdings hast du mich als bekennenden Bahr-Fan durchaus getriggert, sodass ich erstmal etwas recherchieren musste. Ich entschuldige mich vorab über die etwas ausschweifende (und vom eigentlichen Threadthema abschweifende) Antwort.

Das von mir gebrachte Zitat ist von 2012, also eindeutig aus einer Zeit, in der Bahr keine aktive Politik mehr betrieben hat, sondern eher als politischer Kommentator aufgetreten ist.
Die Einschätzung, dass Solidarnosc eine Gefahr für den Weltfrieden darstelle (die mir bis gerade gar nicht mehr wirklich präsent war, ehrliches Danke dafür!), war von 1982, also aus der Zeit selbst. Dahinter verbargen sich Sorgen, dass es zu noch härteren Haltungen der Sowjets gegenüber den Satelliten kommen würde. Solidarnosz erwuchs in einer Konfrontationsphase des Ost-West-Konflikts (Stichworte Afghanistan und NATO-Doppelbeschluss), und Bahr sah das Erreichte der Neuen Ostpolitik in Gefahr, dass ein Eingreifen Moskaus gegenüber Solidarnosc auch Auswirkungen auf die DDR haben könnte. Ich kann diese Sorge durchaus nachvollziehen, Wandel durch Annäherung war immer als langfristiges Konzept gedacht, wie Bahr es in Tutzing 1963 ja auch schon ausgeführt hatte.

Übrigens: Bahr hat seine Fehleinschätzung später sogar eingestanden, ich zitiere aus Bahr, "Ostwärts und nichts vergessen" (2015), S. 118/119:

Dass die Sowjetunion die Führungsmacht war, haben wir in Bonn gewusst und anerkannt. Das war die Voraussetzung der Ostpolitik. Genau das war der Punkt, der die Sowjetunion beeindruckt hat. Diese Macht war dadurch garantiert, dass in der DDR die Elitearmee der Sowjetunion stationiert war. Als Solidarnosc stärker wurde, führte das in Moskau zu der verständlichen Sorge, dass wenn die so weitermachen, die Verbindung zu ihrer Armee in Deutschland gefährdet werden könnte und dieses würde man sich nicht gefallen lassen. [...]
Das hat zum Thema Macht und Sowjetunion unsere seit dem 17. Juni 1953 gewachsene Überzeugung unterstrichen, dass man ein Land nicht gegen den Willen der Sowjetunion aus dem Warschauer Pakt herausbrechen konnte. Das galt auch für Polen, allerdings haben wir in Bonn - und das hat dann zu Spannungen geführt - nicht geglaubt dass die Solidarnosc die Schmerzgrenze der Russen richtig einschätzen würde. Wir haben gedacht und gesagt, es kann doch nicht sein, dass man wegen der Schnapspreise oder der neuen Zigarettenpreise einen Generalstreik macht, das würde ja nicht einmal in Deutschland funktionieren. Aber wir mussten im Nachhinein akzeptieren dass, die polnische Einschätzung richtig war, bis zu welcher Belastungsgrenze die Sowjetunion nicht reagieren würde.


Antworten auf diesen Eintrag:



gesamter Thread:


1519961 Einträge in 16335 Threads, 14353 registrierte Benutzer Forumszeit: 06.01.2026, 04:24
RSS Einträge  RSS Threads | Kontakt | Impressum | Nutzungsbedingungen | Datenschutzerklärung | Forumsregeln