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psychologische Einordnung (BVB)

Steffi ⌂ @, Eichlinghofen! :-), Donnerstag, 20. April 2017, 15:06 (vor 92 Tagen) @ Sascha

Hi Steffi,

ich mag deinen Worten nur bedingt folgen. Natürlich bin ich kein Psychologe, bzw. meine Sichtweise ist reine Küchenpsychologie, aber ich glaube nicht, dass eine Sichtweise wie:

"Wir sollten uns über so was wie Viertelfinalaus wirklich keine Gedanken machen. Auch der Pokal nächste Woche oder noch die fehlenden Bundesligaspiele. Holt man was, isses hübsch, wenn nicht, isses auch wurst."

wirklich gut für die Mannschaft wäre. Es ist meiner Meinung nach ein schmaler Grat zwischen Verarbeitung und Bewältigung. Natürlich war der Anschlag ein einschneidendes Ereignis für die Spieler und sie haben daran zu arbeiten, wieder in ein normales Leben zurück zu finden. Dazu gehört für mich aber auch, dass man dem Ereignis keine überspannende Bedeutung zumisst und ihm alles andere unterordnet. Ich denke eher, dass es auch für die Psyche sehr wichtig ist, weitere Ziele zu haben und auf ihre Verwirklichung hinzuarbeiten.

Also ich führe das jetzt mal etwas länger aus. Leider Gottes kenne ich mich mittlerweile mit Psychologie ganz gut aus. Zwar nicht mit Traumata oder so, aber dafür mit Angsstörungen, Depressionen, etc. Letzte Woche Donnerstag hatte ich zudem die Gelegenheit mit einer Psychologin vom Marienhospital in Dortmund Hombruch über die Sache mit dem Attentat zu sprechen und das war wirklich sehr interessant.

Es ist z.B. total kontraproduktiv als psychologischer Ersthelfer auf die Opfer einzureden. So nach dem Motto "bevor sie ein Trauma kriegen... reden sie mal lieber mit mir" oder "sie haben ein Trama von dem Geschehen, sie MÜSSEN ganz dringend jetzt sofort reden". Genau das bringt oft das genaue Gegenteil. Wenn jemand natürlich sofort reden mag, ist ein Angebot gut, aber alles andere ist in der Regel falsch.
Wichtig ist, dass Opfer Zeit haben die Dinge zu verarbeiten und einzusortieren. Wie man das persönlich macht, ist eben sehr typabhängig. Natürlich ist, wie du schreibst Ablenkung auch gut. Das Problem ist nur, wenn diese Ablenkung auferzwungen und nicht freiwillig ist, dann geht das ganze nach hinten los.

Das führt dann z.B. dazu das Dinge falsch und unverarbeitet im Unterbewusstsein abgespeichert und durch total merkwürdige Dinge getriggert werden. Da reicht es z.B. in unserem Fall einen Bus zu sehen oder im schlimmsten Fall die Farbe schwarz (weil der Bus schwarz ist). Das mit dem Bus gestern abend wird meiner Meinung nach ziemlich viel ausgelöst haben. Vor allen Dingen das Gefühl, dass du als Spieler momentan nicht weg kannst. Du stehst da, enge Gassen, Polizei um dich rum, du weißt nicht, was los ist, aussteigen darfst du auch nicht - herzlichen Glückwunsch, sie hatten gerade ihre erste Panikattacke!

Was bei uns gemacht worden ist letzten Mittwoch, war: geh aufs Feld, denk einfach mal 90 Minuten nicht dran, der Fußball wird dich schon ablenken. Das ist total bescheuert. Wenn ich dir jetzt sage, denk auf keinen Fall an einen rosa Elefanten. Na? Denkst du auch ja nicht an einen rosa Elefanten? Dann passiert nämlich... genau... du denkst an den rosa Elefanten.

Das wir unsere Gedanken und Gefühle kontrollieren können ist ein Ammenmärchen! Und die Spieler werden momentan zur Verdrängung fast genötigt und das ist das Schlimmste, was man tun kann und kann zu großen Problem führen. Wer sich mit dem Thema mal beschäftigen will, dem kann ich den Wikipedia Beitrag zur Akzeptanz und Commitmenttherapie (ACT) als Einstieg empfehlen und die Bücher von Russ Harris (Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei). Sind keine Eso-Selbsthilfebücher, sondern moderne Psychologie.

In Deutschland sind wir leider weitestgehend noch in der normalen Verhaltenstherapie verhaftet, wo man lernt schlechte Gedanken zu positiven Gedanken zu ändern. Das funktioniert aber bei ganz vielen Leuten nicht sehr gut, weswegen auch viele Menschen jahrelang an ihren Ängsten und Depressionen rumdoktorn oder sogar gar nicht geheilt werden. Beispiel: Wenn ich in einer Bahn sitze und dort Panikattacken habe, dann kann ich mir noch hundert mal sagen, dass es mir gut geht, dass es nur mein Kopf ist und das mir nichts passiert. Mein Gefühl sagt mir etwas anderes und deswegen funktioniert das mit den positiven Gedanken nicht. Man verarscht sich eigentlich damit selbst und weil man das im Prinzip weiß, funktioniert das nicht.

In den USA und vielen anderen Ländern ist die ACT mittlerweile Alltag. Ich hatte durch Zufall die Gelegenheit einen Workshop zum Thema ACT zu machen und ich kann dir gar nicht sagen, wieviele Kronleuchter mir aufgegangen sind. Ich hoffe wirklich sehr, dass bei den Therapeuten und Krankenhäusern da ein Umdenken stattfindet, denn diese Herangehensweise hat nicht nur mich, sondern ALLE anderen Teilnehmer ein großes Stück weitergebracht.

Das war jetzt mein kleiner Exkurs! :-D

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